Gedanken zum Thema Krankheit

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    • Gedanken zum Thema Krankheit

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      Heilung ist mehr als Gesundung des Körpers
      Im Krankenhaus kursiert der Satz wie ein Slogan "Gesundheit ist das Wichtigste". Als ob die Kranken das Wichtigste verpassten. Solange man jung, kraftstrotzend und gesund ist, stimmt die Ordnung. Aber wehe es kommt zu einer Störung dieser Ordnung.
      Wenn man mit dem Psychologen Freud Gesundheit als Arbeits- und Genussfähigkeit definiert und Krankheit als Fehlen dieser Gesundheit, dann stimmt der Satz "Gesundheit ist das Wichtigste". Der Kranke kann in den Bereichen der Produktion, der Leistung, des Konsums nicht mithalten.
      Der französische Schriftsteller Andre Gide, 1947 Nobelpreisträger für Literatur, sieht Krankheit dagegen als Reise nach innen. Eine Reise, die uns Bereiche erschließt, die dem immer gesunden Menschen verschlossen bleiben. Gide geht weiter: Der Kerngesunde stoße nie in die Grenzbereiche menschlichen Seins vor. Eine zentrale Erfahrung bleibe ihm deshalb vorenthalten: das Leben ist ein Geschenk wie die Liebe. Das Geschenk wird erst dadurch wertvoll, dass es in allen seinen Dimensionen geliebt und wegen seiner Zerbrechlichkeit behütet werden muss.
      Es gibt, so meinte auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders ein Soziologe, eine "Krankheit, nicht krank sein zu können". Danach wäre Krankheit, nicht nur Leben und Sterben, ein Phänomen des Könnens. Also nicht nur ein passives Erleiden, das durchgestanden werden muss, wenn jemand zufällig in Kontakt mit Bazillen gekommen ist. Die Person sei aktiv am Kranksein beteiligt. "Krank- sein-Können" wäre dann wie lieben, lachen, weinen, schlafen, sich freuen – ein Urphänomen menschlichen Lebens.
      Krankheit wird dann zu etwas Sinnlosem, wenn sie als Störung des schmerzfreien, konfliktlosen, spannungslosen und widerspruchslosen Leben gesehen wird. Das macht deutlich, dass der Sinn des Lebens nicht in der bloßen Gesundheit liegen kann. Es gibt in der Bibel einen sehr interessanten Bericht bei Johannes im 5. Kapitel, der die ganze Breite dieser Problematik aufrollt. Ist Krankheit das Letzte und Sinnloseste, oder gibt es gar noch Schlimmeres als leibliche Krankheit oder sogar Tod?
      Da wird erzählt von einem Heilungswunder an einem Gelähmten: "Jesus ging hinauf nach Jerusalem. In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf hebräisch Betesda. In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, daß er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein.
      Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre und geh! Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre und ging. Später traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Jetzt bist du gesund; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt" (Joh. 5,1 – 9; 14).
      Der Kranke hatte niemand, der ihm hilft. Er war allein gelassen, verraten und verkauft. Jesus kompensiert diese Verlassenheit von jeder Hilfe mit dem Wunder. Und dann kommt der entscheidende Satz: "Sündige nicht mehr, damit dir nicht noch schlimmeres geschehe." War die Krankheit noch so schwer: es könnte tatsächlich noch schlimmer kommen. Wenn ein Kranker nämlich darüber verrückt würde, wenn seine Seele auseinanderbräche, und die Krankheit ihn zum Wahnsinn triebe. Weil er niemand hat, der ihm zur Seite steht. Weil er in eine letzte Isolierung getrieben wird.
      Krankheit beginnt nicht erst, wenn Fieber und Lungenentzündung sich zeigen, sondern bereitet sich vor nach einem Programm, das nicht durchschaubar und bewusst wird. Aber notwendig ist, weil die Seele so sehr in Bedrängnis und in der Ausweglosigkeit war. Die Seele kann sich nur helfen, indem sie den Körper in Szene setzt. Damit die Seele nicht zerbricht, opfert sich der Körper. Der Mensch bekommt die Chance, weiter vorzudringen, zentrale Erfahrungen zu machen, sich in Grenzbereichen zu orientieren. Die Biographie eines Menschen kennen, bedeutet oft, den Sinn der Krankheit in seinem Leben entdecken. Und dann stellt sich heraus, daß körperliche Gesundheit beileibe nicht das Wichtigste ist, weil es viel Schlimmeres geben kann als körperliche Krankheit: Isolation, Orientierungslosigkeit, Ausweglosigkeit.
      Die Kirche kennt in bedrohlicher Krankheit die liturgische Feier der Krankensalbung. In diesem Sakrament betet die christliche Gemeinde mit und für die Kranken und bringt betend zum Ausdruck, dass sie Heilung und Heil von Gott dem Vater und seinem Sohn erwartet - durch den Geist, der die Dinge auf der Welt zu ändern vermag. Heilung, die über die Gesundung des Körpers hinausgeht. Heilung, die von Isolation, Orientierungs- und Ausweglosigkeit befreit.
    • Lieber Jürgen,

      hab Dank für deine umfangreichen Gedanken zum Thema Krankheit. Zwar bin ich nicht gläubig im religiösen Sinn, doch gibt es ja auch außerhalb der klassischen Religionen diese Sicht der Dinge: "Krankheit als Weg" etc.

      Ich finde es hilfreich, auch außermedizinisch im eigenen Leben nach Sinn und Ursache zu suchen - allerdings nur als "Option", nicht als Muss oder gar Anspruch an ANDERE. Nicht immer erschließt sich uns der "Sinn" einer Krankheit - und oft mag sie auch gar keinen haben. Man kann auch einfach Pech haben, schlechte Gene, Ansteckungen, Umweltbedingungen etc. - und bei der UVEITIS weiß ja noch keiner so richtig, wieso die kommt.

      Jedenfalls möchte ich die "Besinnung" nicht so weit treiben, wie es manche "Spirituellen" tun, indem dann nämlich jeder als "selber schuld" angesehen wird - und er/sie dann nicht nur die Krankheit hat, sondern auch noch den Zwang zur Rechtfertigung, was man denn falsch gemacht hätte!
    • Danke für den Link und Text, Jürgen.
      Ich habe es immer wieder einmal durchgelesen.

      Juergen schrieb:

      Damit die Seele nicht zerbricht, opfert sich der Körper.
      Dazu zitiere ich Aldous Huxley aus seinem "Die Kunst des Sehens", Seiten 103/104, die psychologischen Aspekte des Sehvorgangs (von 1943):
      Wenn das bewusste Ich übermässig von Gefühlen wie Angst, Zorn,
      Sorge, Trauer, Neid und Ehrgeiz befallen wird, so haben Körper und Geist
      mit Wahrscheinlichkeit darunter zu leiden. Eine der wichtigsten und am
      häufigsten beeinträchtigsten psychophysischen Funktionen ist das Sehen.
      Die negativen Gefühle stören die Sehfunktionen teils durch eine direkte
      Einwirkung auf das Nervensystem, auf die Drüsen und die Blutzirkulation,
      teils durch eine Senkung der Leistungsfähigkeit des Gehirns. Es stimmt
      buchstäblich, dass man "blind vor Wut" werden kann; dass Angst einen
      "schwarzsehen" oder einem "die Welt vor den Augen verschwimmen" lassen
      kann; dass Sorge jemanden so "betäuben" kann, dass er nicht mehr fähig
      ist, richtig zu sehen oder zu hören, ....
      Sie können auch bleibende
      Funktionsstörungen der Sehorgane hervorrufen, der geistigen und der
      körperlichen - Funktionsstörungen, die sich durch Überanstrengung,
      nervöse Muskelverspannungen und Brechungsfehler (Kurzsichtigkeit;-)
      äussern. Wer gut sehen möchte, sollte alles menschenmögliche tun, um
      solche verderblichen negativen Gefühle zu vermeiden oder loszuwerden,
      und - bis ihm dies gelingt - die Kunst des Sehens erlernen; dadurch kann
      er die verheerenden Auswirkungen solcher Gefühle auf Augen und Gehirn
      vollständig oder teilweise unterbinden.
      Dies scheint mir alles zu
      sein, was man an dieser Stelle über psychischen Hindernisse beim Sehen,
      die nicht unmittelbar mit dem Sehvorgang selbst zusammenhängen,
      sinnvollerweise sagen kann. Wegen einer umfassenden Erörterung der
      negativen Gefühle und ihrer Behandlung wende man sich an die Psychiater,
      die Moralisten und an die Verfasser religiöser Schriften, die sich mit
      Askese und Mystik beschäftigen. In dieser kurzen Einführung in die Kunst
      des Sehens kann ich das Problem nur am Rande erwähnen.
      Ich erinnere mich, als ich vor einem Jahr meiner Augenärztin von Stress auf der Arbeit erzählen wollte, sie mich aber an einen Psychotherapeuten verwies. Ich war danach einmal in einem Erstgespräch, aber ich fühlte mich nicht verstanden, ausserdem war ich von den Prednisonnebenwirkungen durch den Wind, so dass ich es bleiben liess.
    • Der nachfolgende Text passt hier gut rein:


      Fünf Dinge, die Sterbende bereuen
      Zu viel gearbeitet? Zu wenig geliebt? – Beim Rückblick aufs Leben bereuen Sterbende stets ähnliche Dinge.

      Es ist die wohl wichtigste Frage für uns alle: Wann ist das eigene Leben
      erfüllt gewesen? Die Buchautorin Bronnie Ware hat ein Buch darüber
      geschrieben, was Menschen auf dem Sterbebett am meisten bereuen. Ein
      Ausschnitt.

      Für den griechischen Philosophen Epikur (341–270 v. Chr.) ist das schöne
      Leben «gleichbedeutend mit der Vorübung für ein schönes Sterben». Dass
      es einen Zusammenhang gibt zwischen dem guten Leben und dem guten
      Sterben, bestätigen auch heutige Ärztinnen und Ärzte: «Die Menschen
      sterben, wie sie gelebt haben», sagt zum Beispiel Gian Domenico Borasio,
      der als Palliativmediziner Menschen am Lebensende behandelt und
      begleitet. Ob jemand gut sterbe, hänge vor allem davon ab, «ob der
      Sterbende das Gefühl hat, dass sein Leben erfüllt ist», hat auch
      Borasios Berufskollege Steffen Eychmüller bei der Betreuung seiner
      Patienten erfahren.

      Auch die Sterbenden selbst bestätigen, dass das gute Leben und das
      gute Sterben verknüpft sind. Die Australierin Bronnie Ware hat von den
      Sterbenden erfahren, was diese beim Rückblick auf ihr Leben am meisten
      bedauerten. Darüber hat sie im Jahr 2011 das Buch «5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen» geschrieben. Es wurde zu einem Bestseller und ist in 27 Sprachen übersetzt worden.

      Die fünf häufigsten Bedauern der Sterbenden sind ihr zufolge:

      1. «Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie es andere von mir erwarteten.»

      Diese Worte, schreibt Bronnie Ware, habe sie am häufigsten von den Sterbenden
      gehört: «Sie bedauerten, sich bei der Gestaltung ihres Lebens nicht
      selbst treu gewesen zu sein.» Die Erkenntnis, nicht sein eigenes Leben
      geführt zu haben, habe am Lebensende jeweils die grösste Enttäuschung
      ausgelöst.

      2. «Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.»

      Die Arbeit ist uns enorm wichtig. Wir identifizieren uns mit der Arbeit,
      sie verschafft uns Ansehen und gibt uns eine Stellung in der
      Gesellschaft. Wenn wir eine neue Bekanntschaft machen, ist eine der
      ersten Fragen jene nach der beruflichen Tätigkeit. Dies bestätigen auch
      Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Der Erwerbsstatus beeinflusst
      europaweit die Lebenszufriedenheit: Erwerbstätige Personen zeigten sich
      bei Umfragen zur Lebensqualität zufriedener mit ihrem jetzigen Leben als
      Erwerbslose. Trotzdem sei die Arbeit neben dem Sterbenmüssen die
      ungeliebteste aller Tätigkeiten, glaubt die Erziehungswissenschaftlerin
      Marianne Gronemeyer. «Die Arbeit nehmen wir nur in Kauf, damit wir das
      eigentliche Leben in der sogenannten Freizeit leben können. Die meisten
      arbeiten für das Geld, dank dem sie Weltmöglichkeiten konsumieren
      können.»

      3. «Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.»

      Viele der heute über 80-Jährigen sprechen wenig über Gefühle. Sie haben
      gelernt, sie zu verbergen. Man schwieg, wenn man verletzt war, und man
      zeigte auch Stolz, Freude und Zuneigung nicht. Viele der Sterbenden, die
      Bronnie Ware begleitete, hatten vor allem um der Harmonie willen ihre
      Gefühle nicht geäussert.

      4. «Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben.»

      Die Freundschaft ist für die meisten Menschen ein wichtiges Thema. Einen
      «besten Freund» oder eine «beste Freundin» wollen nicht nur Kinder
      haben, Freundschaften bereichern auch das Leben der Erwachsenen. Sehnt
      sich nicht jeder nach einem Freund, dem er sich anvertrauen kann und der
      einen wirklich kennt? Die Freundschaft gehört zum «Notwendigsten im
      Leben, denn keiner möchte ohne Freunde leben, auch wenn er alle übrigen
      Güter besässe», wusste schon der grosse griechische Philosoph
      Aristoteles (384–322 v. Chr.). In der Armut sei die Freundschaft der
      einzige Zufluchtsort, den Jungen helfe sie Fehler zu vermeiden, den
      Alten Schwächen zu kompensieren und eine helfende Hand zur Seite zu
      haben. Ausserdem fördere die Freundschaft edle Taten, «denn zwei sind
      tauglicher zu denken und zu handeln», wusste Aristoteles. Doch
      Freundschaften über lange Zeit aufrechtzuerhalten, ist oft schwierig:
      Man ist beruflich ausgelastet, zieht an einen anderen Ort, gründet eine
      Familie und verliert den Kontakt zueinander.

      5. «Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.»

      Wir leben in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft, die Arbeit ist uns
      wichtig, die Freizeit auch. Wir konzentrieren uns oft auf Ziele, die wir
      noch erreichen wollen, arbeiten auf diese Ziele hin. Viele Patientinnen
      und Patienten, erzählt Bronnie Ware, waren in ihrem Leben
      «ergebnisorientiert», wie es eine ihrer Patientinnen nannte. Sie machten
      ihr Glück vom Ergebnis abhängig. Sie vergassen, dass sie auch glücklich
      sein dürfen, ohne es sich verdienen zu müssen. «Sie vernachlässigten
      den gegenwärtigen Moment», erlaubten sich nicht, sich auch zu freuen,
      ohne eine Leistung vollbracht zu haben, schreibt Bronnie Ware.

      Hinweis: Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch «Leben, Tod und Selbstbestimmung» von Denise Battaglia, das vor kurzem in der Beobachter Edition erschienen ist.


      Quelle: beobachter.ch/gesellschaft/art…ge-die-sterbende-bereuen/